Grundübungen zur Gymnastizierung – nicht spektakulär, aber gesunderhaltend

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Lasst Eurem Pferd Zeit, um zu verstehen, was Ihr von ihm wollt

Anschaulich und mit viel Einfühlungsvermögen  zeigten Verena und Janina Dittrich bei ihrer Vorführung „Effektive, Reitweisen übergreifende Gymnastizierung von Pferden – Bodenarbeit und unter dem Sattel“ , mit welchen  Übungen, Hilfen und Signalen sich ein gutes Fundament zur Gesunderhaltung unserer Pferdepartner legen lässt.  Die  Schwestern und Pferdetrainerinnen hatten zur Veranstaltung des Kreisverbandes  Bamberg, die auf überraschend  großes Interesse, auch aus den umliegenden Kreisverbänden und Bezirken stieß, zwei ihrer Schulpferde in den Freizeitreitstall Schammelsdorf mitgebracht. Ihr Anliegen war es, zu demonstrieren,  wie einzelne Übungen zur Gymnastizierung  in der Bodenarbeit  aufgebaut und durchgeführt und  dann auch im Sattel  abgerufen werden können.

Strong Together

„Nicht alles muss immer auf Anhieb funktionieren. Es langt häufig schon, wenn das Pferd ein zwei Schritte richtig macht. Es ist viel besser, die Pferde nicht zu überfordern und die jeweilige Übung mit einem positiven Ergebnis abzuschließen“, betonte Verena Dittrich, Westernpferdetrainerin nach Sandra Schneider und studierte Pferdewirtin, immer wieder. Dass dieses Trainingsverständnis nicht nur so dahin gesagt war, sondern von ihnen auch so umgesetzt wird, zeigte jeweils ihre Schwester Janina, ebenfalls Pferdewirtin in der Spezialreitweise Western, die geduldig sowohl am Boden als auch im Sattel ihr Pferd korrigierte, um das passende Ergebnis zu erhalten. Die zwei Schwestern, welche bei Höchstadt/Aisch ihren kleinen Reitbetrieb  ´Strong Together Horsetraining` haben, hatten zu der Vorführung zwei Pferde mit unterschiedlichem Ausbildungsstand dabei. Auf diese Weise konnten sie deutlich machen, mit welchen Signalen für das Pferd beispielsweise eine gelungene Biegung oder das Rückwärtsrichten verständlich vermittelt wird. Detaillierte Erklärungen zum jeweiligen Bewegungsablauf und zur Körperhaltung der Pferde ermöglichten es dem Publikum, dem Aufbau der Übungen exakt zu folgen. Mit fünf grundlegenden Einheiten, die sich in eine komplette Trainingssequenz zusammensetzen lassen, ist es nach Einschätzung der Pferdetrainerinnen möglich, eine gute Grundgymnastizierung  zu erreichen, diverse Schwachstellen auszugleichen und Pferde insgesamt in einen guten körperlichen Zustand zu versetzen. Die Übungen sollten zunächst am Boden trainiert und dann als weitere Herausforderung geritten durchgeführt werden.

Die fünf  vorgestellten gymnastizierenden Grundübungen

Übung 1: Schulter bewegen
Unser Pferd soll die innere Schulter anheben, um später in der korrekten Biegung in sich gerade zu bleiben und nicht über die Schulter um die Kurve zu fallen. Der Kopf soll  nach innen gestellt sein, weshalb ein Nachgeben gefordert wird (zum einen nach unten, zum anderen zur Seite). Das innere Hinterbein soll unter den Schwerpunkt des Pferdes treten, um mehr Last aufzunehmen. Das Pferd soll in der Längsbiegung nicht wie ein Motorrad in der Kurve liegen, sondern wie ein Zug aus mehrere Wagons in sich gerade bleiben, aber die gesamte Oberlinie  biegen!
Übung 2: Vorübung zum Schulter vor
Die Pferdefüße sollen gerade treten, sprich beide Hinterhufe in die Abdrücke der Vorderhufe. Der Pferdekopf ist allerdings in Biegung. Dadurch wird die Körperaußenseite gedehnt und die Pferdeschulter geöffnet. Das Pferd lernt, in eine andere Richtung zu laufen, als es schaut, und seine Beine zu koordinieren. Der Mensch lernt, dass die Schulter der Lenkpunkt des Pferdes ist, nicht der Kopf, und wie er die Schulter gut kontrollieren kann.
Übung 3: Innenstellungsvolten
Für die  korrekte Längsbiegung eignet sich traditionell die Innenstellungsvolte optimal. In den ersten beiden Übungen lag der Fokus vor allem auf Kopf, Hals und Schulter, während hier der restliche Körper auch noch einbezogen wird. Es gelten genau die gleichen Hilfen und Regeln wie bei Übung 1, nur dass der Kreis deutlich kleiner wird.
Übung 4: Außenstellungsvolten
Wir möchten eine Volte in fleißigem Vorwärts mit einer Stellung des Kopfes gegen die Bewegungsrichtung. Dadurch öffnet sich die Schulter des Pferdes deutlich und die vorherige Außenseite - jetzt Innenseite - des Körpers wird noch mehr gedehnt als bei der Innenstellung. Das innere Bein muss deutlich weiter ausgreifen und aus dem vorherigem Vorwärts wird eine Art Vorwärts-Seitwärts.
Übung 5: Quadratübung
Die Krönung der gymnastizierenden Übungen ist eine Einheit, für die 4 Pylonen benötigt werden. Jede Seite des Quadrats stellt eine neue Aufgabe dar. Man kann diese Übung entweder geführt machen oder das Pferd schicken. 1. Seite:  Fleißiges Vorwärts, geradeaus von einer Pylone zur nächsten; 2. Seite: Hier wollen wir ein Seitwärts bis zur nächsten Pylone. Die Beine sollen voreinander überkreuzen.  3. Seite: Das Pferd soll rückwärts gehen.  Es muss hier sehr viel Last auf der Hinterhand aufnehmen, dass diese sich durch den tiefen Kopf weit unter den Körperschwerpunkt schiebt und der Rücken deutlich aufgewölbt wird. 4. Seite: Die letzte Seite ist wieder eine Seitwärts-Seite, diesmal in die andere Richtung. Im Allgemeinen verbessert die Quadratübung den Takt des Pferdes (die wichtigste Basis in der Pferdeausbildung) und man kann als Mensch sehr gut üben, seine Hilfengebung zu verfeinern und gut abzustimmen.

Motiviert und geduldig dranbleiben

Zusammenfassend betonten die beiden Pferdetrainerinnen, dass es bei der Bodenarbeit wichtig ist, jede Übung Schritt für Schritt durchzuführen und ausreichend Pausen und Lob einzubauen. Hilfreich sei auch, keine zu hohen Erwartungen an sich und an das Pferd zu stellen, dafür lieber kleine Schritte zu gehen, dies aber nachhaltig. Während des Trainings sollte das Pferd genau beobachtet werden. Sobald Anzeichen einer Überforderung auftreten, sollte das Niveau gesenkt werden.  Dabei bleibe es aber auch entscheidend, selbst immer wieder motiviert und geduldig an die Trainingseinheiten heranzugehen.
Im zweiten Teil der Vorführung erläuterten Verena dann ebenso ausführlich, genau und auf die Fragen eingehend, wie die am Boden gezeigten Übungen geritten  die Gymnastizierung fördern. Janina demonstrierte das eindrucksvoll mit ihrem Warmblut-Connemara Baio.

Handout als Service

Wie im Vorfeld zur Veranstaltung angekündigt, wurde deutlich, dass Gymnastizierung am Boden und auf dem Pferd durchaus Spaß machen kann. „So eine Reitlehrerin hätte ich mir früher auch gewünscht“, fasste eine Zuschauerin gegen Ende der zweistündigen, kostenfreien VFD-Veranstaltung ihre Eindrücke zusammen. Renate Baierl, Vorsitzende des örtlichen Kreisverbands, hob abschließend hervor, dass ihr besonders die einfühlsame Art und Weise, mit der die beiden Trainerinnen ihre Pferde in den Übungen begleitet hatten, gefallen habe. Schließlich seien dies genau die Grundwerte, auf denen die Mitglieder der Vereinigung der Freizeitreiter und –fahrer ihr Miteinander mit ihren Pferdepartnern aufbauen wollen. Sie dankte Verena und Janina auch für das Handout, das die einzelnen Übungen präzise und umsetzbar beschreibe und zur eigenen Arbeit im Interesse der Gesunderhaltung unserer Pferde geradezu einlade.  Das Handout im Anschluß zum runterladen.

Birgit Wolfrum-Reichel, Renate Baierl, KV Bamberg

Letzte Änderung am Mittwoch, 02 November 2022 14:30
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